Kristin Rosenow: (Jahrgang 1977), Chefredakteurin der Fachzeitschrift SQUT, Coach, Freiberufliche Texterin, ehem. Oberleutnant bei der Bundeswehr
Branchen: Agentur, Dienstleistung, Beratung
Verantwortlich für: bis zu 20 Mitarbeiter
Tätigkeitsschwerpunkte: Steuerung und Verantwortung von Redaktion, Layout und Vertrieb sowie Betreuung der Werbenetzwerkpartner, Wahrnehmung repräsentativer Aufgaben


Sie sind Chefredakteurin der Fachzeitschrift SQUT. Welche Erfahrungen machen Sie als Führungskraft?
Ich möchte vorweg sagen: Ich habe mich nicht als Chefredakteurin, also als Führungskraft, beworben, sondern als Redakteurin für ein Ressort angefangen. Ich bekam immer mehr Verantwortung und wurde schließlich stellvertretende Chefredakteurin, dann Chefredakteurin. Was will ich damit sagen? Ich habe mich reingehängt, es gut gemacht und mich hochgearbeitet. Mein Geschlecht hat dabei definitiv keine Rolle gespielt.
Eine Führungskraft wird man, weil man erstens Ahnung vom Thema hat und zweitens, weil andere sich von einem führen lassen. Oft zeigt sich das schon in der Schul- und Ausbildungszeit. und setzt sich im Berufsleben fort. Man sieht schnell, wer Verantwortung übernimmt, Klassensprecher wird, Streitereien schlichtet usw.

Sie waren fast 12 Jahre als Offizier bei der Bundeswehr und danach 5 Jahre Führungskraft. Hatten Sie mal das Gefühl, anders behandelt zu werden als die Männer?
Ja, schon. Allerdings anders, als Sie vermutlich denken. Als ich 2001 in die Bundeswehr eintrat, gehörte ich zum ersten Jahrgang mit Frauen in der Offizierslaufbahn. Da gab es plötzlich neue Vorschriften und teilweise fragwürdige Aktionen: Es mussten immer alle Dienstzimmertüren aufbleiben, die Damendusche bekam im Eingangsbereich noch einen extra Sicherheitsvorhang, naja und all so Kram. Es gab sogar Unterricht über Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der Männern und Frauen. Nach der ersten Dienstwoche stand plötzlich der Wehrbeauftragte des Bundestages auf der Matte. Er erkundigte sich, ob alles schick wäre und ob wir noch was bräuchten. Unsere Jungs wurden das nicht gefragt… Den daraus folgenden Unmut können Sie sich wohl vorstellen. Alle weiblichen und männlichen Rekruten haben diese unterschiedliche Behandlung gar nicht verstanden. Wir kamen alle vom Gymnasium, von der Uni, aus Sportvereinen – da war das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von Männern und Frauen völlig selbstverständlich.

Heißt dass, es wurde viel Energie für unnötige Aktionen verschwendet?
So kann man es sagen. Unnötig vor allem, weil das einfach nur einen Keil zwischen das eigentlich unkomplizierte Verhältnis der Männer und Frauen trieb. Übrigens: Auch die sogenannte Gleichstellungsbeauftragte in Kasernen darf nur eine Frau sein und nur von Frauen gewählt werden. Sie soll aber für alle Belange der Gleichstellung zuständig sein, also auch für die Themen der Männer. Ich finde das absurd. Warum gibt es für dieses Amt nicht eine Frau und einen Mann? Noch heute reagiere ich also sehr allergisch auf Bemühungen, Frauen gleicher zu machen.

Dann bringen Sie manche Stellenanzeigen mit dem Satz: „Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt.“ vermutlich auf die Palme?
Ja! Also was ist denn das für eine Botschaft? Ich finde: Möge der Beste gewinnen und nicht der mit den meisten X-Chromosomen. Dieser und all die anderen Gleichstellungs-Ansätze haben meiner Meinung nach einen negativen Effekt, der hoffentlich so nicht geplant war: Die Frau wird explizit hervorgehoben als gehöre sie zu einer Randgruppe, eine schwache Spezies, die gefördert werden muss. Ich finde das eher erniedrigend für jede selbstbewusste Frau und es torpediert jegliche Anstrengungen der echten Gleichbehandlung.

Werden Männer nicht auch oft bevorzugt behandelt?
Mir fiele dazu kein Beispiel ein. Ich kann sagen, dass ich bisher – einschließlich Bundeswehr – nur in Unternehmen gearbeitet habe, in denen beispielsweise Gehälter nicht an das Geschlecht gekoppelt waren. In keiner Hierarchieebene. Bundeswehr ist hier ein positiv-Beispiel. Da gibt es eine Besoldungstabelle, die berücksichtigt den Dienstgrad, das Dienstalter und ob man Kinder hat – mehr nicht!
Wer hingegen z. B. als Freelancer oder Top-Manager Tagessätze aushandelt, der muss geschickt verhandeln, egal ob Mann oder Frau. Auch hier zählt meiner Erfahrung nach Leistung und eigener Marktwert. Wenn ein Unternehmen mich wirklich haben will, dann rufe ich einen (realistischen) Preis auf und entweder man einigt sich, oder nicht. Und sonst fiele mir jetzt einfach kein Beispiel ein, wo oder wie man Männer bevorzugen könnte.

Sie verfolgen die Diskussionen über Frauen, Männer und Karrierechancen sehr kritisch. Was stört Sie an dem Thema am meisten?
Am meisten stört mich, dass mit so vielen Klischees gearbeitet wird. Ich habe oft den Eindruck, man möchte sich hier und da mit dem Thema positionieren, sozusagen auf der Welle mitsurfen. Da werden von Unternehmen, Politikern oder anderen Verantwortlichen immer und immer wieder die gleichen platten Phrasen ausgepackt, um zu zeigen, dass man sich dieses Thema ja schließlich auch auf die Fahnen geschrieben hat. So sind Männer immer „sachliche Pragmatiker“ und Frauen „kommunikative Herdentiere“. Auf solchen Klischees werden dann Bemühungen und Regelungen aufgebaut. Zudem werden viel zu oft Themen konstruiert und Konflikte aufgemacht, wo meiner Meinung nach keine sind.

Haben Sie dazu konkrete Beispiele?
Ein Beispiel ist das wilde „Gendern“ in unserer Sprache. Da habe ich doch wirklich Forderungen gelesen, neben dem „Gast“ müsse es auch eine „Gästin“ geben und es sei unerträglich, dass „der Mensch“ nicht etwa „die Menschin“ an seiner Seite hat. Im Ernst – das macht manchen Sorgen?

Welche Themen sollten stattdessen diskutiert werden?
Naja, statt sich über Kleiderordnungen, Kommunikationsverhalten und getrennte Klos den Kopf zu zerbrechen, brauchen wir pragmatische Lösungen – für Männer und Frauen. Ich denke zum Beispiel, dass die Arbeitgeber durchaus zu Dingen wie Elternzeit, Teilzeit oder Homeoffice bereit sind und so Eltern ermöglichen, ihrem Beruf nachzugehen. Jedoch steht uns hier das Gesetz massiv im Weg. Unser Arbeitsrecht war in Ansätzen mal gut gemeint und schießt heute nur noch übers Ziel hinaus. Und zwar so sehr, dass sich Arbeitgeber scheuen, Frauen einzustellen, weil sie sie sozusagen „nicht mehr loswerden“. Da stehen dann Gleichbehandlungsgesetz, Teilzeit- und Befristungsgesetz oder Sozialgesetz viel zu weit über dem unternehmerischen Interesse. Ganz provokant gefragt: Wenn ich als Unternehmer keine Entscheidung mehr aus betriebswirtschaftlichen Gründen treffen kann, sondern diverse sogenannte „schützenswerte Personengruppen“ ausschlaggebend sind, warum soll ich mir dann solche Mitarbeiter aufhalsen? Ich würde also gar nicht immer so sehr mit dem Finger auf die Unternehmen zeigen, sondern die Politik zurückpfeifen, die gut Gemeintes leider ganz schlecht macht und Unternehmer damit knebelt.

Warum schaffen deutlich weniger Frauen den Sprung in die Führungsetage?
Wollen überhaupt so viele Frauen in Führungspositionen? Oft bedeutet dies, dass man sich zwischen Familie und Karriere entscheiden muss. Womit wir wieder beim Thema wären. Und noch eine Frage: Liegt die Ablehnung für eine Führungsposition wirklich am Geschlecht? Wer es nicht auf den anvisierten Posten schafft, sollte sich fragen, ob er/sie wirklich qualifiziert genug dafür ist ehe die Gleichstellungskeule ausgepackt wird.

Was können Sie der ganzen Gleich oder Nicht-Gleichstellungsdebatte an Positivem abgewinnen?
Die Politik gerät unter Druck, etwas zu machen. Da sind viele Hampeleien dabei, aber immer auch die ein oder andere echt gute Sache. Elterngeld und ordentliche Kinderbetreuung zum Beispiel. Und ich hoffe, die Debatte führt dazu, dass es irgendwann alle Leid sind, zu diskutieren.

Was können Frauen und Männer besser machen, um nicht in die geöffnete Schublade zu springen?
Durchatmen! Ich bin umgeben von einem Netzwerk aus Frauen, die alle ihren Weg gehen. Ärztinnen, Software-Spezialistinnen, Hebammen, Polizistinnen, Lehrerinnen, Promovierte, Unternehmerinnen, Verheiratete mit und ohne Kindern, Alleinerziehende, Singles. Ich glaube, die haben alle nie gejammert, dass sie als Frau doch so benachteiligt sind, weil sie es nämlich auch nicht sind. Die haben’s einfach gemacht! Schule, Ausbildung, Job, Karriere. Keine von denen ist feministische Aktivistin oder anderweitig auf großem Weltbelehrungskurs unterwegs.

Und die Unternehmen?
Unternehmen sollten transparente Auswahlverfahren haben. Das wäre win-win: Sie geraten nicht unter Beschuss, wenn sie einen Mann statt einer Frau einstellen und die Kandidaten können die Entscheidungen besser nachvollziehen. Zudem, wenn man mal auf die von Ihnen genannte Problematik eingehet, dass zu wenig Frauen überhaupt für Führungspositionen zu finden sind: Bedingungen schaffen! Einen Homeoffice-Arbeitsplatz einzurichten, wenn die Job-Aufgaben an sich es ermöglichen. Außerdem sollte man es vermeiden, das Frausein als ein „trotzdem“ immer hervorzuheben. „Als Frau haben Sie das wirklich gut gemacht …“ oder „Für eine Frau kann die echt gut anpacken …“ Das sind lediglich als Lob getarnte Beleidigungen, egal ob bewusst oder unbewusst.

Ihr Schlusswort …
Meine Ansichten zu der Thematik mögen dem ein oder anderen recht hart vorkommen, gerade weil ich selber eine Frau bin. Aber im Grunde hat das alles einen bestimmten Hintergrund: Am liebsten wäre es mir, keinen Diskussionsbedarf dazu zu haben. Es ist nicht nur anstrengend und hält mich von meiner Arbeit ab, es verkompliziert die Situation auch oft, weil es Unterschiede und Konflikte impliziert wo keine sind und Gleichbehandlung als etwas Besonderes hervorhebt. Es sollte aber genau das nicht sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Seid nett zueinander, Männer und Frauen, seid fair als Vorgesetzte, seid ehrlich zu Euch selbst als Unterlegene, seid stolz als Gewinner. Ich bin überzeugt, dass die Schlüssel zu allem im Leben auf weniges herunterzubrechen sind: Disziplin, Vernunft, Fairplay – und das gilt für alle gleichermaßen.