Zarmina Penner (geb. 1961), Business & Personal Coach sowie Autorin im Interwiew mit WomenInWork.de.

Sie interessieren sich für Architektur, haben Medizin studiert und arbeiten heute als Business Coach. Wie passt das zusammen?

Mein beruflicher Lebensweg ähnelt einem Zickzackkurs, denn ich habe lange gesucht, bis ich das fand, was mich nicht mehr loslässt. Als ich mit 17 in meiner Heimat Afghanistan mit der Schule fertig war, sprach mich Architektur an. Familiäre Umstände führten dazu, dass ich stattdessen Medizin studiert habe. Damals war das eine fremdbestimmte Entscheidung und ich habe mich nicht gewehrt. Ende der Siebziger floh ich nach Deutschland. Das ist für mich positiv besetzt, auch wenn es eine große Veränderung in meinem Leben war. Ich lernte schnell Deutsch und beendete mein Medizinstudium. Mein abgestecktes Ziel war die Frauenheilkunde als Fach zu meistern, konnte die Welt der Schulmedizin jedoch nicht ausreichend nachvollziehen, um dort zu bleiben. Ich wollte mehr für die Patienten, Mitarbeiter und auch Ärzte tun. Nach der Approbation und zusätzlich gewappnet mit einer Medizin-Informatik-Ausbildung, einem Master of Business und einem Master in integrativen Gesundheitswissenschaften habe ich versucht, im Rahmen von Kundenprojekten Unstimmigkeiten in den Krankenhäusern systematisch zu optimieren. Der Erfolg war, zumindest in meinen Augen, mäßig.

Woran scheiterten Ihre Pläne?

Prozessoptimierung ist im Sinne der Patienten praktisch unmöglich, da der Patient nicht im Mittelpunkt steht. Das ist leider so. Der Dreh- und Angelpunkt der Prozesse liegt fast immer woanders, nämlich bei den mächtigsten Involvierten und bei den teuersten Ressourcen. Die Schulmedizin funktioniert, wenn es um Lebensgefahr geht. In allen anderen Fällen ist der Patient oft abhängig und machtlos gegenüber dem System. Dennoch prägt die Medizin bis heute meine Denkweise, auch wenn ich lange nicht mehr als Ärztin tätig bin. Mir sind Heilung von Krankheiten, Gesundheit, Lebensqualität und Wohlgefühl wichtig. Diesen Zustand bei Menschen widerherzustellen, ist meines Erachtens die urärztliche Aufgabe.

Wie vereinen Sie Ihre Kenntnisse der klassischen Medizin mit Ihren Ansichten und Vorstellungen?

Ich habe in den letzten 20 Jahren meine eigene Methodik entwickelt. Meine Faszination gilt der Transformation. Ich liebe es, Dinge, die noch nicht stimmen, ganzheitlich zu einem neuen fließenden, funktionierenden und sinnvollen Ganzen zu bringen. Es hat mit Heilen, mit Problemlösung, mit Architektur, mit Wohlgefühl und mit Menschen zu tun.

Was machen Sie heute?

Ich betreue Unternehmen, Teams, aber auch einzelne Manager im Leben. Ich nenne meine Arbeit Business und Personal Coaching. Mein Buch, das 2018 erscheinen wird, heißt „The Art of Business Transformation and Transformational Leadership“, also die Kunst der Veränderung und der Führung. Transformative Führung ist eine Kunst, die man erlernen kann, daher das Buch. Es ist in Englisch, die Sprache, die mir neben Deutsch am nächsten ist, geschrieben. Die deutsche Ausgabe folgt. Ich liebe es zu schreiben.

Spielte es jemals eine Rolle in Ihrer beruflichen Laufbahn, dass Sie eine Frau sind?

Nein, die Wahl der verschiedenen Stationen auf meinem beruflichen Weg hatte nie etwas mit meinem Geschlecht zu tun. Ich habe den Kurs gewechselt, wenn ich das Gefühl hatte, ich vergeude wertvolle Lebenszeit. Langeweile, Unwohlsein und gefühlte Sinnlosigkeit waren da gute Motivatoren. Oft war der Kurswechsel gegen die Auffassung nahstehender Menschen. Ich habe mir zwar alle Meinungen angehört, aber mir nicht die letzte Entscheidung nehmen lassen.

Sie stammen auf Afghanistan und kennen auch die deutsche Kultur. Glauben Sie, dass die Frauen-Männer-Diskussion in der Arbeitswelt kulturell begründet ist?

Meine ursprüngliche Prägung ist, dass Frauen das stärkere Geschlecht sind. Das Mann-Frau-Denken ist mir daher grundsätzlich fremd. Ich denke, wir Frauen haben eine ganze Reihe von Fähigkeiten, die uns sanft und stark zugleich machen. Das sind Fähigkeiten wie Sensibilität, Aufnahmefähigkeit, empathische Führung, das Verstehen von komplexen Zusammenhängen und gutes Zuhören. Wir Frauen müssen so Vieles zusammenhalten und fortsetzen. Die Natur will es so. Viele Einflussfaktoren spielen meines Erachtens bei der Frauen-Männer-Diskussion eine Rolle, insbesondere der Kontext und die Kultur des Elternhauses. Kinder beobachten ihre Eltern und bilden ihre innere, geistige Bibliothek an Glaubensätzen, Prinzipien und Klischees.

Was meinen Sie mit der „geistigen Bibliothek“?

Kinder beobachten: Wie gehen die Eltern mit einander um? Wer macht was? Wer arbeitet? Hat der Vater Respekt und Hochachtung vor der Mutter und umgekehrt? Was ist die Definition von Höflichkeit? Welche Werte gelten? Was darf ich als Junge oder Mädchen tun bzw. nicht tun? Wird mir zugehört? Werde ich validiert und anerkannt? Wie ist das Weltbild der Eltern? etc. Die späteren Erwachsenen verhalten sich entsprechend dieser inneren Bibliothek. Ein Teil dieser Bibliothek betrifft den Umgang mit dem anderen Geschlecht und so setzt sich alles unbewusst fort. Mit etwas Disziplin und Hingabe kann man die innere Bibliothek, sein Denken und Verhalten bewusst ändern. Unser Gehirn ist jederzeit formbar. Andere Menschen kann man nicht ändern. Das geht nicht. Es ist einfacher, einen passenderen Kontext zu suchen, als einen unpassenden zu ändern. Die Änderung einer Kultur ist praktisch unmöglich.

Dann wären die Menschen ihrer Kultur quasi ausgeliefert. Angesichts der derzeitigen politischen Weltlage klingt das besorgniserregend.

Das wäre ein mögliches Zukunfts-Szenario, ja. Die Zukunft ist aber formbar. Man kann Kulturen nicht so leicht ändern, aber man kann in einer Kultur einen guten Kontext schaffen. Das hat mit transformativer Führung zu tun. Eine gute Führungskraft kann die guten Aspekte einer Kultur in den Vordergrund stellen and als Vorbild mit den nicht so guten Aspekten richtig umgehen. Die anderen machen es nach. Eine solche Figur zu finden, die Respekt, Hochachtung und den Willen einem guten Beispiel zu folgen in Menschen auslöst, ist nicht einfach. Andererseits nichts ist unmöglich. Es gab in meiner ursprünglichen Heimat den letzten afghanischen König, Nadir Shah, der diese Rolle bis 1973 innehatte. Er hat lange den passenden Kontext für das afghanische Volk geschaffen. Erst danach fingen die Unruhen an, die bis heute anhalten.

Demnach hat Führung hat nichts mit dem Geschlecht für Sie zu tun?

Meines Erachtens spielt der Charakter eine größere Rolle als das Geschlecht. Schwache, gestörte Charaktere neigen dazu, andere zu misshandeln, privat und beruflich. Wenn man den Statistiken Glauben schenken möchte, dann ist der Anteil von Männern, die andere, vor allem Frauen, misshandeln, schon größer. Die Misshandlungen sind haben viele Facetten, von psychisch bis körperlich, kaum merkbar bis offensichtlich. An dieser Stelle müssen wir mehr Transparenz schaffen. Hier lohnt die Auseinandersetzung. Man muss lernen mit diversen Charaktervarianten adäquat umzugehen. Manipulative bzw. narzisstische Charaktere kommt bei beiden Geschlechtern vor. Man muss die Anzeichen erkennen und sich entsprechend verhalten. Das ist nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.

Wie haben Sie Frauen und Männer im Berufsleben erlebt?

Ich habe unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Auf meinem Karriereweg hatte ich viele ausgezeichneten Mentoren, wovon die allermeisten Männer waren. Frauen haben sich oft als Gegner und Konkurrenten entpuppt. Irgendwann habe ich aufgehört, Unterstützung durch Frauen zu erwarten. Das war vor allem in den 80er und 90er Jahren der Fall. Das hat sich in den letzten Jahren erheblich geändert. Vor allem im internationalen Kontext habe ich tatkräftige Unterstützung durch intelligente, erfolgreiche und weise Frauen erfahren.

Dennoch gibt es große Unterschiede, insbesondere ist der weibliche Anteil im höheren Management deutlich geringer als der der Männer.

Es gibt sicher mehr Männer in Führungspositionen als Frauen und es kann gut sein, dass sich unter Männern Lobbys bilden, die den Weg einer Frau erschweren könnten. Ich denke, auch Männer finden die Verständigung unter ihresgleichen einfacher. Wir Frauen tragen zur Problematik dann bei, wenn wir nicht zu unseren natürlichen Stärken stehen, keine klaren Entscheidungen treffen und uns von außen definieren lassen. Dafür müssen wir selbst die Verantwortung nehmen.

Was können Frauen besser machen?

Meine Empfehlung ist, zu klären, was man mit seiner Lebenszeit tun möchte. Der Erfolg kommt, wenn man sich dafür ohne Wenn und Aber einsetzt. Wir müssen nicht um Erlaubnis fragen, oder gar bitten. Karriere machen ist relativ. Die höhere Position per se macht nicht glücklich. Es gibt überall interessante Menschen und Aufgaben. Wir leben in wunderbaren Zeiten, in denen jeder, zumindest in der westlichen Welt, selbstbestimmt leben kann. Das Internet eröffnet uns jede denkbare Möglichkeit. Um das alles nutzen zu können, muss die innere Denkwelt dafür offen sein. Alte ausgediente Glaubensätze, Prinzipien und Klischees müssen durch einen ordentlichen gedanklichen Hausputz entfernt werden.

Wie erleben Sie Männer und Frauen in Ihrer Arbeit als Coach für Führungskräfte? Was sind typische Themen, Verhaltensmuster, Missverständnisse, …?

Frauen denken viel mehr über Beziehungen nach, die guten und die schlechten. Sie haben zudem typischerweise Themen wie Perfektionismus, Überarbeitung, Lebensretter sein und nicht „Nein-sagen-können“. Sie tragen in sich oft das Mann-Frau-Thema, vor allem dann, wenn die Beziehung zum Vater belastet ist. Zusätzlich schwebt das Thema Alter über allem. Erst geht es um die biologische Uhr, dann um die Angst vorm Älterwerden. Ein etwaiges Mutter-Thema bei einer Frau führt oft dazu, dass sie sich selbst für andere aufopfert und sich nicht ausreichend lieben kann. Frauen werden durch den Mangel an Mutterliebe in den ersten Lebensjahren im Kern ihres Wesens geschwächt.

Und wie sieht es bei den Männern aus?

Bei Männer sind die wichtigsten Themen verbunden mit der Karriere und mit Führungsaufgaben. Die Beziehung zum Vater hat an der Stelle weitreichende Konsequenzen. Hier geht es um den Umgang mit Macht, um den Zugang zu den eigenen Emotionen und zur Intuition und um die Fähigkeit, Erfolg zu haben. Männer werden in erster Linie durch den Mangel an Anerkennung durch den Vater im Kern ihres Wesens geschwächt.

Und wie lassen sich diese Themen lösen?

Beide Geschlechter leiden gleichermaßen unter Beziehungen, privat und beruflich, die sie nicht greifen und einordnen können. Wenn wir dann gemeinsam schauen, dann merken wir, dass diese Beziehungen keine gesunden Charakteristika aufweisen. Ich helfe ihnen, zu sehen, was wirklich ist. Eine Lösung ist erst möglich, wenn man die Dinge beim Namen nennt, sich positioniert und sich entsprechend verhält. Hier schließt sich der Kreis zu den o.g. Charakterstörungen. Vielen Menschen wird früh beigebracht, nicht über andere zu urteilen. Das erschwert leider manchmal die Lösung.

Welchen Rat geben Sie den Männern und Frauen bezüglich ihres Karriereweges?

Ich plädiere dafür, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, und nicht wie man sie gerne hätte oder wie sie sein müssten. Dafür ist geistige Präsenz und die innere Ausgeglichenheit notwendig. Das wiederum ist verbunden mit einem regelmäßigen Aufräumen der inneren Bibliothek. Erst dann hat man den klaren Blick und kann neu und frisch denken. Das gilt übrigens nicht nur für das Berufsleben.

Mit einer Entscheidung setzt man die klare Intention. Dadurch werden oft enorme Ressourcen frei, die man in der Gestaltung der gewählten Variante verwenden kann.

Wir selbst gestalten unseren Lebenskontext. Mit etwas Disziplin und Bewusstsein geht es leichter und gezielter. Der gesunde Menschenverstand, ausreichend Selbstliebe und das Beachten des eigenen Bauchgefühls sind dabei die geeignetsten Ratgeber. Das gilt für beide Geschlechter, für den Mann und für die Frau.