Melanie Goncalves-Andreas (Jahrgang 1987) ist Account Executive, Mutter und Organisationstalent. Sie sagt: „Um Kind und Karriere besser vereinbaren zu können, brauchen wir flexiblere Arbeitszeit- und Betreuungsmodelle.“

Position: Account Executive
Branche:
Contact Center, Software
Tätigkeitsschwerpunkte: Kundenakquise, Bestandskundenbetreuung, Kundenberatung im Umfeld Customer Experience

Sie arbeiten für ein großes internationales Software-Unternehmen im Vertrieb und sind dort eine von wenigen Frauen. Wie ist das so?

Es ist spannend, in einer Männerdomäne zu arbeiten. Und es macht mir sehr viel Spaß. Es war für mich aber auch ein Lernprozess, zum Beispiel noch selbstbewusster aufzutreten, pragmatischer an Dinge heranzugehen, auf Themen nicht zu lange herumzudenken, sondern einfach zu machen. Hätte ich das nicht umsetzen können, wäre ich wahrscheinlich nicht so erfolgreich.

Was waren konkrete Hürden, die Sie überwinden mussten?

Es hat mich anfangs zum Beispiel deutlich mehr Überzeugungskraft gekostet, zu beweisen, dass ich fachlich genauso fit bin wie meine männlichen Kollegen. Bei manchen Kunden musste ich mir erst einmal einen gewissen Standpunkt erarbeiten und sie von meinem technischen Verständnis überzeugen. Dann war die Zusammenarbeit bestens – vielleicht sogar etwas leichter.

Gibt es jetzt noch Unterschiede, die Ihnen auffallen?

Ja, die gibt es natürlich. Insbesondere merke ich wie unterschiedlich Frauen und Männer denken und agieren. Wir schauen einfach unterschiedlich auf die gleichen Themen. Das macht es nicht immer leicht. Vor allem nicht, wenn man keinen Weg findet gemeinsam auf einen Nenner zu kommen. Aber gelingt es, können sich Männer und Frauen super ergänzen und spannende Projekte umsetzen.

Haben Sie sich bewusst für diesen Karriereweg und einen Job in einer Männerdomäne entschieden?

Nein, das hat sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Während meines BWL-Studiums war das Verhältnis Männer-Frauen noch ausgeglichen. Ursprünglich hatte ich einen Job im Marketing im Kopf. Doch dann kam ich in ein Produktmanagement-Team, später in ein Innovationsteam. Beide waren eher technisch ausgerichtet. Ich habe schließlich den Vertrieb dabei unterstützt, Produkte in der DACH-Region bekannt zu machen und am Markt zu positionieren. Mit jedem beruflichen Schritt wurde der Tätigkeitsbereich technischer und die weiblichen Kolleginnen weniger.

Sie haben 2016 eine Tochter bekommen. Was hat sich dadurch für Sie beruflich geändert?

Als ich in der Elternzeit war, habe ich mich oft gefragt, wie ich in meiner Vertriebsposition weitermachen kann. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie ich Kind und Job organisiere. Als meine Tochter 1 Jahr alt war, habe ich wieder mit der Arbeit angefangen. Erst nur mit einer 25 Stundenwoche um dann schnell zu merken, dass dies kaum machbar ist. Manche Sachen habe ich mit Kind auf dem Schoß von zu Hause aus erledigt. Nach einem ¾ Jahr bin ich auf Vollzeit umgestiegen.

Wie gut klappt das?

Es funktioniert sehr gut, auch wenn ich mich manchmal hin und her gerissen fühlte, ob das richtig ist, so wie ich es mache. Ich glaube aber das geht vielen so, insbesondere uns Frauen. Männer hinterfragen weniger. Sie machen es einfach und sagen so ist es eben.

Was war für Sie die größte Herausforderung bzgl. Kind und Karriere?

… alles in time unter einen Hut zu bekommen. Es ist ein wahnsinnig hoher organisatorischer Aufwand. Ein Beispiel: Die Kita macht um 16 Uhr zu. Das ist für mich eigentlich noch Arbeitszeit. Ohne meinen Mann, Oma, Opa oder Babysitter könnte ich meine Arbeit nicht in Vollzeit machen.

Und doch wieder in Teilzeit arbeiten, wäre das eine Option für Sie?

Nein. Ich liebe, was ich tue und das geht nur ganz oder gar nicht. Für eine Teilzeit-Beschäftigung müsste ich mir etwas anderes suchen. Das würde mich aktuell nicht glücklich machen.

Warum funktioniert Ihr Job nur in Vollzeit?

Eine 25-Stunden-Woche funktioniert in vielen Jobs nicht. Ich kann für meine Kunden nicht nur zwischen 10 und 16 Uhr da sein. Auch Job-Sharing würde sich nur schwierig in die Praxis umsetzen lassen, denn ein Kunde kann nicht am Vormittag den einen und am Nachmittag einen anderen Ansprechpartner haben. Das würde die Zusammenarbeit kompliziert machen und es würden wohl auch einige Kunden nicht akzeptieren.

Was müsste sich ändern, dass es leichter wird für berufstätige Eltern?

Ich denke es liegt zum einen an den starren Arbeitszeitmodellen. Noch zu wenig Unternehmen bieten Möglichkeiten an, Job und Familie stressfrei zu vereinbaren. Homeoffice oder eigene Firmen-Kitas, wirklich flexible Arbeitszeiten… das würde den Alltag schon sehr erleichtern. Leider bieten das noch zu wenige Unternehmen an, aber auch viele Kunden sind in ihrem Denken/ Erwartungshaltungen nicht flexibel genug diese Arbeitsmodelle zu unterstützen.

Ich sehe auch, dass in der Kinderbetreuung ein Umdenken stattfinden muss. Vor allem für die, die Alleinerziehend sind oder in Schichten arbeiten. Kitas sollten länger geöffnet sein. Es geht dabei nicht darum, dass das Kind jeden Tag solange in der Kita ist, sondern dass man die Option in Notfall hat.
Zudem wäre ein finanzieller Betreuungszuschuss sinnvoll, den man auch zum Beispiel für Babysitter nutzen kann. Dann wäre man nicht an die Öffnungszeiten der Kita gebunden und könnte auch abends arbeiten. Die Unternehmen und die Gesellschaft müssen generell flexibler werden, wenn Sie gute Mitarbeiter halten wollen.